| Donnerstag, den 25. Februar 2010 um 11:30 Uhr |
Entwicklung nach dem Krieg
von Herbert Both
Die politische Entwicklung nach Ende des 2. Weltkrieges hatte massive Auswirkungen auch auf den Sport. So war der Neuanfang im Osten Deutschlands geprägt von der allumfassenden Unterordnung unter die Doktrin der SED. Die nach dem verheerenden Krieg langsam wieder erwachenden Sportvereine hatten sich im Rahmen einer sogenannten demokratischen Sportorganisation neu zu formieren. Der Anschluss der Vereine an Betriebe oder Verwaltungen sollte eine enge Verflechtung mit der arbeitenden Bevölkerung bringen und damit eine solide Grundlage für die Teilnahme breiter Bevölkerungsschichten am Sport erhalten.
In der Folge entstanden Betriebssportgemeinschaften, die vorhandenen Sportgemeinschaften sollten darin aufgehen. Diese Entwicklung verlief jedoch nicht so reibungslos wie erwartet. Es gab immer wieder Rückschläge, denn auch die Betriebe hatten in den 50er Jahren mit ungeheuren Problemen zu kämpfen, so dass der Sport teilweise für sie zunächst sekundäre Bedeutung hatte. Dieser Umstand war auch für die weitere Entwicklung der WLS ausschlaggebend. Zunächst sollte unsere Sportgemeinschaft von der staatlichen Handelsorganisation (HO) übernommen werden. Dies kam dann aber nicht zustande. Dafür wurde in Absprache mit den übergeordneten Institutionen im Juni 1953 unter Führung der Tourensegler Grünau, Gründungsmitglied des „Freien Seglerverbandes“ aus der Kaiserzeit, die „Sportgemeinschaft Grünau“ (SGG) gegründet. Die Tourensegler waren unsere Objektnachbarn.
Unsere WLS gehörte als Gruppe II dazu, ebenso die Segler von „Aegir“ aus Müggelheim als Gruppe III und die Ruderer in Grünau vom Objekt Regattastraße. Damit war am 15. Juni 1953 mit der SGG - bezogen auf die damalige Zeit - die größte Wassersportlergemeinschaft entstanden. Tatsächlich war dies ein Glücksgriff, denn die SGG hatte fast 600 Mitglieder, verteilt auf vier Objekte, und war damit als Betriebssportgemeinschaft wenig interessant. Wir erhielten als Gruppe II keine Zuwendungen vom Trägerbetrieb, mussten uns im Gegenzug aber auch nicht an Vorgaben von der Leitung des Betriebes halten – für die damalige Zeit ein besonderes Privileg.
Die Organisationsform der SG Grünau wurde durch eine übergeordnete Leitung getragen, die von den Mitgliedern der Gruppen gewählt wurde und der darüber hinaus noch die Leiter der Sektionsgruppen angehörten. Die Leitung vertrat die SG Grünau vorrangig nach außen zu den übergeordneten staatlichen Stellen und Institutionen. Träger war der Rat der Stadt, Bezirk Köpenick Abteilung Jugend und Sport, zusammen mit der Bootshausverwaltung, die für die Sportobjekte verantwortlich war. Die Zusammenarbeit der Leitung mit dem zuständigen Stadtrat war ebenso wie die der einzelnen Sektionsgruppen mit der Bootshausverwaltung zu jeder Zeit gut und fruchtbringend zum Wohle der SG Grünau.
Langsam konsolidierte sich auch unsere Gemeinschaft, allerdings noch mit vielen Einschränkungen. Die Mitglieder hatten reichlich private Sorgen, die Wohnraumfrage war für viele ein Problem, das Bootsmaterial war teilweise sehr desolat, an Neubau nur eingeschränkt zu denken. Man packte aber gemeinsam an, es ging langsam aufwärts. Man traf sich, um in der schweren Zeit Erholung zu finden in den damals noch kurzen Wochenenden oder im Urlaub beim Segeln. Die auf dem Objekt vorhandenen Unterkünfte, die fast ausnahmslos den Krieg überstanden hatten und für viele in dieser Zeit sicheren Unterschlupf vor den Bombenangriffen auf Berlin bedeuteten, waren ein weiteres Plus. Man konnte hier übernachten, sich bei schlechtem Wetter geschützt aufhalten und auch die Segelutensilien unterbringen.
Rückschläge waren aber auch bei uns zu verzeichnen, besonders nach dem Mauerbau im August 1961. Viele Mitglieder aus den Bezirken Neukölln und SO 36 - jetzt ein Teil Kreuzbergs - konnten nun nicht mehr zu uns kommen. Das bedeutete für die SGG II einen empfindlichen Aderlass. Die Sportfreunde standen aber gerade bei solchen negativen Ereignissen zusammen und meisterten die Probleme. Bis auf eine Intrige gegen einen als „Störenfried“ verleumdeten Sektionsgruppenleiter – nach heutigem Sprachgebrauch Vereinsvorsitzender - gegen Ende der 60er Jahre verlief die Entwicklung meist unproblematisch. Unbeschadet einiger Funktionswechsel war die Sektionsgruppe bis fast zum Ende der SG Grünau aktiv - Ausdruck einer gewissen Kontinuität.
Gesegelt wurde Anfang der 50er Jahre vorrangig mit Jollen - Jollenkreuzer und Kielboote waren noch in der Minderzahl - auf dem heimischen Revier Dahme, Seddinsee, Krampe, in Ausnahmefällen auch auf dem Zeuthener See und dem Krossinsee. Zum einen fehlte es damals noch an zuverlässigen Hilfsmotoren, auch war man noch eingeschränkt durch die Zonengrenze zwischen Berlin und dem Umland mit strengen Kontrollen auf dem Wasser. Wettkampfsport, wie wir ihn heute kennen, gab es damals nur in Ausnahmefällen, man konnte sich aber schon ohne großen zusätzlichen Aufwand an Regatten beteiligen.
Auch in der SGG Grünau II wuchs insbesondere bei den jungen Sportfreunden das Interesse am Regattasport. Es kamen ausnahmslos nur die Jollenklassen, Pirat und O-Jollen in Frage, später noch die 15er und 10er Wanderjollen. Jugendbootklassen, wie wir sie heute kennen, gab es nicht - bis auf die Kükenjolle. Diese Bootsklasse war zwar auch bei uns im Selbstbau in mehreren Einheiten entstanden, zur Ausbildung des Seglernachwuchses aber kamen ordentliche Regattafelder nicht zustande. Die aufstrebende Seglergeneration musste auf die traditionellen Jollenklassen umsteigen, um sich ihre Sporen zu verdienen. Vorbild war die Gruppe I mit ihrer Tradition auf dem Gebiet des Regattasports und Erfolgen in allen Klassen. Allmählich wurden auch immer mehr Segler der Gruppe II in die 1. Mannschaft der SG Grünau für die Berliner Mannschaftsmeisterschaft berufen.
Mit dem wachsenden Lebensstandard gelang es auch, besseres Bootsmaterial zu erwerben. Neben dem Kauf handelsüblicher Boote und dem Erwerb individuell gebauter Boote auf spezielle Bestellung nahm in späteren Jahren der Selbstbau besonders von Jollenkreuzern auf der Basis von glasfaserverstärktem Polyester Aufschwung. Die Negativform konnte vom Seglerverband ausgeliehen werden. Der weitere Ausbau wurde je nach Angebotslage für die benötigten Hölzer und die anderen Ausrüstungsteile in Eigenarbeit ausgeführt. Auch drei Stahljollenkreuzer entstanden, wobei hier die Herstellung der Schalen und der weitere Ausbau Profis oblag. Aber all diesen Aktivitäten war gemeinsam: Wer einen solchen Bootsbau vorhatte, der musste reihenweise Probleme meistern und hatte folglich eine besonders innige Beziehung zu seinem Sportgerät. So entstanden quasi Einheitsjollenkreuzer, die sowohl für den Wandersegelsport als auch für das Regattasegeln geeignet waren.
Damit waren in der SGG II die Grundlagen für die Regattabeteiligung in den Jollenkreuzerklassen geschaffen. Viele Wettfahrten wurden in A- und B-Klassen gestartet und gewährleisteten relativ gute Chancengleichheit für alle, die mal eine Regatta segeln wollten. Unsere Sportfreunde brachten vielfach gute Ergebnisse nach Hause. So wie die Anzahl der Jollenkreuzer bei der SGG II und in anderen Vereinen stark zunahm, so verringerten sich die Jollen in unserer Gemeinschaft und damit auch die Regatta-Aktivität in diesen Klassen.
Mit der Verbreitung der Jollenkreuzer fand auch die SG Grünau II auf diesem Gebiet des Segelsports stetig mehr Beachtung. Im Fahrtensegeln war besonders in den 70er und 80er Jahren unsere Sportgemeinschaft das Maß aller Dinge. Im Berliner Maßstab und teilweise auch im Landesbereich konnten Sportfreunde der SGG II viele vordere Plätze belegen. 1972 stellten wir in Berlin bei den Senioren, bei der Jugend und den Kindern die Sieger und errangen weitere gute Plätze. Die Fahrten unserer Sportfreunde nach Mecklenburg, in die Boddengewässer und auch in die Umgebung von Berlin waren zahlreich wie nie zuvor und trotz der oft strapaziösen Anreise erlebnisreich. Damals erst wurde der Bootstransport per Hänger möglich, weil die technischen Möglichkeiten (fehlende Hänger und Zugmaschinen) bis dahin sehr eingeschränkt gewesen waren. In den 80er Jahren besserte sich im Zuge der allgemeinen Materialaktivierung die Lage auch hier. Die Sportfreunde liehen sich untereinander die Hänger aus, mal organisierten sie entsprechende Zugmaschinen, Not macht eben erfinderisch - und so wurde manche Langfahrt ermöglicht. Die Aktivität im Bereich Fahrtensegeln bei der SGG II wurde auch durch die Organisation der Frühjahrsfahrtenseglertreffen 1973 und 1976 in unserer doch für solche Dimensionen recht kleinen Gemeinschaft gestärkt. Fahrtensegeln ist darum auch heute noch in der WLS dominant.
Die dritte Säule des Segelsports, der Kinder- und Jugendsport, entwickelte sich allmählich in der SGG II wie auch zunehmend im gesamten Bereich des Segelsports im Osten. Mit Einführung der Bootsklasse Optimist für die Jüngsten und des Cadet und der Ok- Jollen für den älteren Nachwuchs wurde auch bei uns der Kinder- und Jugendsport immer aktueller, zumal da die Jungsportler bei uns durch neue Mitglieder mit Kindern ab Anfang der 70er Jahre zahlenmäßig stark zunahmen. Die Eltern waren in Zusammenarbeit mit der Sektionsgruppenleitung und dem für den Kinder- und Jugendsport verantwortlichen Sportfreund der Motor für eine erfolgreiche Entwicklung auf diesem Gebiet in unserer Gemeinschaft.
Die materiellen Voraussetzungen dafür wurden vorrangig durch den Selbstbau der Boote für die Kinder gelegt. Es entstand so über Jahre eine ansehnliche Flotte von Optis, Cadets, OK-Jollen. Zwei OK-Jollen wurden gebraucht hinzugekauft. Erst später wurde der erste 420er bei uns in Dienst gestellt. Auf den heimischen Revieren ersegelten unsere Jüngsten bei den schon damals zahlreichen Regatten wie auch bei den Kreis- und Bezirksspartakiaden viele vordere Plätze. Wir hatten in den 70er und 80er Jahren eine beachtliche Kinder- und Jugendsportgruppe. Für die Begleitung der Aktiven wurde ein Kutter angeschafft, der als Mutterschiff fungierte, und über Jahre gute Dienste leistete, aber auch für manches Kopfzerbrechen sorgte. Deshalb wurde das Schiff wieder verkauft. Die Begleitung im Training und zu den Wettfahrten wurde nun durch sogenannte Sportler vom Dienst und die Verwendung der zahlreicher gewordenen Motorboote erreicht. In den 80er Jahren entstand zudem das Trainingszentrum für den Bereich Dahme, in dem Sportfreunde von uns aktiv mitarbeiteten.
Die Entwicklung im Kinder- und Jugendsportbereich und bei den Erwachsenen in der SGG II schlug sich auch auf unserem Gelände nieder. Wegen des desolaten Zustandes der hölzernen Stege wurde in den 70er Jahren eine Betonsteganlage errichtet, die gleich auf Zuwachs für die aktuelle Entwicklung bei den Bootsgrößen projektiert wurde. Die sich entwickelnde Jollenkreuzer-Flotte zwang zur Erweiterung der Halle durch einen flachen Dachanbau, der aber ausgelöst durch einen schneebedingten Zusammenbruch eines ähn- Ansegeln im Jahr 1950. In einer Beischrift ist die Rede von „Lästerseglern“. Quelle: WLS-Archiv lichen Flachdaches mit immensem Bootsschaden bei einer Sportgemeinschaft am Zeuthener See sehr schnell zur Errichtung einer neuen Jollenkreuzer-Halle führte. Dabei erhielten wir von der Bootshausverwaltung viel Unterstützung. Die Bauarbeiten erledigte eine sogenannte Feierabendbrigade. Weitere Winterlagerkapazitäten wurden durch den Anbau eines seitlichen Schleppdaches am Jollenschuppen und die Errichtung eines kleinen Jollenkreuzer-Schuppens neben der Jollenhalle geschaffen. Auch die Slipanlage war für die neuen Bootsgrößen nicht mehr geeignet, die verwendeten Feldbahngleise genügten nicht mehr.
Die Gleiserneuerung der Straßenbahnlinie nach Schmöckwitz auf dem Adlergestell war die technische Grundlage für die Rekonstruktion der Slipanlage. Wir erwarben die Schienen für ein „Handgeld“ vor Ort und transportierten sie dann mit unserem Einachsbootswagen auf das Grundstück. Im Anschluß an das Aufslippen ging es dann nach der Demon tage der alten Anlage an den Zusammenbau der neuen Schienen, wobei Sportfreunde von der Reichsbahn Schwellen und Schrauben besorgten. Da wir zur damaligen Zeit im Winter noch Eis auf den Gewässern hatten, zogen wir den im Hafen abzusenkenden Teil der Anlage aufs Eis und verbanden ihn mit den Schienen an Land. Als das Eis im Frühjahr taute, mußten wir aber durch Eisschneiden und Schollenumschieben nachhelfen, damit sich die Gleise wie vorgesehen absenken konnten.
Parallel dazu wurde aus einer vom Kalksandsteinwerk in Niederlehme geholten Lore ein neuer Jollenkreuzerslipwagen gefertigt. Das Abslippen klappte fortan problemlos. In der Zwischenzeit bauten wir zur Verbesserung der hygienischen Verhältnisse - wieder mit Unterstützung der Bootshausverwaltung - unser Trockenklo in eine Toilettenanlage mit Wasserspülung um. Dabei musste aber die Grube mit dem lästigen Abpumpen der Fäkalien beibehalten werden. Daneben wurde auch eine Seewasserpumpe mit Rohrsystem zum Sprengen des Rasens installiert. Für das Trainingszentrum entstand der Bootsschuppen für die Jugendboote und ein Umkleidebungalow.
Mit diesen baulichen Gegebenheiten waren die Voraussetzungen für die Ausübung des Segelsports in der SGG II nahezu perfekt. Nicht nur in baulicher Hinsicht, auch sonst entwickelte sich die Gruppe II in der SG Grünau sehr positiv bis zur politischen Wende und der damit zusammenhängenden Auflösung der SG Grünau zum 15. Juni 1990. Dies war dann die Voraussetzung für die Wiedergeburt der alten Vereine in den Gruppen, wie sie vor der Gründung der SG Grünau bestanden haben. |