| Sonntag, den 20. Dezember 2009 um 22:21 Uhr | |||||
Es begann im Jahr 1933...
von Klaus Dallibor
Das ehemalige Restaurant „Wald-Idyll“, südlich der heutigen Fährstelle „Zum Seeblick“ in Schmöckwitz gelegen, war am 17. November 1933 Schauplatz der VereinsgründungDa braucht man nicht erst Sibyllen und Propheten zu befragen – auch Vereine haben eine Geschichte, manchmal ein Geschick. Wie Individuen lassen sie innere Dynamik und Entwicklung erkennen, entfalten Eigenleben, mit Brüchen, Enttäuschungen, Neuanfängen.
Diese biografiespezifischen Besonderheiten treffen geradezu exemplarisch auf die Jubilarin WLS mit ihren ersten, recht komplizierten 75 Jahren zu. Ihre Geburtsstunde schlug rund ein halbes Jahr nach Annahme des Ermächtigungsgesetzes, mit dem am 24. März 1933, gegen die Stimmen der SPD und ohne die ausgesperrten KPD-Abgeordneten beschlossen, ein historischer Umbruch in Deutschland begann. Die braune Diktatur überwucherte bald alle Lebensbereiche, Vereine und Individuen gleichermaßen, und mündete am Ende in die schwarze Katastrophe von 1945.
Außer knappen Gründungsvermerken und wenigen Vereinsnotizen sind indes kaum Dokumente erhalten, die den revolutionären Wandel belegen könnten. Vor allem fehlen Zeitzeugen. So wird vermutlich kaum jemand nachvollziehen können, wie sich die innere und äußere Gleichschaltung aller gesellschaftlichen Gruppen, Beseitigung der demokratischen Spielregeln, Verfolgung und Vernichtung Andersdenkender, die Einführung des „Führerprinzips“ auf das Leben des Vereins und seiner Mitglieder ausgewirkt haben. Bereits 1933 unterzeichnete man wie überall im Reich mit „deutschem Gruß“, und schon bald schlossen Versammlungen mit den zeittypischen Huldigungen auf den „Führer“. Peter Krause, WLS-Vorsitzender seit 2008, weist in seinem kompakten Geschichtsabriss auch darauf hin.
Die Lücke der frühen Vereinsgeschichte lässt sich erst im Gefolge der politischen Ereignisse nach Kriegsende und Zusammenbruch etwas schließen: Zeugen der wiederum „neuen Zeit“ leben, können die Umwälzungen, die ideologisch gewandelten Prozeduren, das andere Personal beschreiben. Tatsächlich wehten über Nacht frische Winde, man hatte sich gemäß den tagesüblichen Spielregeln zu organisieren, und der volkseigene Geist trieb sein Spielchen auch im Verein. Dazu hat Herbert Both im Rückblick auf die vierzig Jahre zwischen 1950 und 1990 einen lebendigen Bericht mit Anspielungen geschrieben.
Meist aus eigener Kraft bauten die Mitglieder Boote und Schuppen, Stege, Sanitärräume und Slipanlage. Bei der Beschaffung der Materialien spielten Beziehungen und gelegentlich ein „Handgeld vor Ort“ eine Rolle. Der Verein überlebte mit Chuzpe, umstrukturiert und unter dem neuen Namen „Sportgemeinschaft Grünau II“. Kreuzberger und Neuköllner Mitglieder fanden nach Errichtung der Mauer als „Westberliner“ keinen Liegeplatz mehr.
Welche unerwarteten Chancen sich urplötzlich um die Jahre 1989/1990 für Segler ergaben, als die Grenzen zum Westen fielen, lässt Manfred Grubes Bericht vermuten. Seine lakonischen Tagebuchaufzeichnungen haben den Rang eines historischen Augenzeugenberichts. Der abenteuerliche Törn via Mittellandkanal, Elbe, Hamburg, Nordostseekanal bis in die dänische Südsee und zurück fällt noch in die Endzeit der untergehenden „demokratischen Republik“ in Deutschland. Für weitere Fahrten unter Segel oder Motor öffnete sich jetzt die Welt.
Nach der Wende entstanden zudem, teilweise mit öffentlicher Unterstützung, moderne Hafen- und Versorgungseinrichtungen, die den in den Wald gelegten Verein nicht nur optisch aufwerteten. Gerda und Dieter Schulz sowie Walter Schell belegen dies hier. In die Zeit des Vorsitzenden Friedmar Findeisen fällt insbesondere die Neugestaltung der Messe mit verbessertem Küchen- Tresen-Bereich und einem Kamin, als „Blickfang“ des Ex-Präsidenten besonderer Stolz. Rekordverdächtig: In heimischen Gewässern ersegelte das Ehepaar Christa und Dieter Harnisch in 40 Jahren 102.137 Kilometer, und Gabriele und Peter Vogel erreichten 2007 endlich Haparanda am obersten Ende der Bottenwiek, nördlichste Hafenstadt Schwedens!
Die Fähre verkehrt heute nicht mehr zum Seddinwall, wo einst ein viel besuchtes Restaurant bestand. Aber Dahmerevier und Landschaft sind fast ursprünglich geblieben, bis auf die Kleine Krampe, die mit Kriegsschutt verfüllt wurde. Das Gasthaus „Wald-Idyll“ findet man auf der Karte links oben. Quelle: WLS-Archiv
Das Fahrtensegeln war und ist eine wesentliche Komponente des Vereinslebens wie auch die Nachwuchsförderung. Sie liegt fest vor allem in den Händen tatkräftiger WLS-Frauen wie Michaela Lorenz, Ronny Wutzler, Catrin Kortze.
Mühsam und nicht ohne Tricks, das wissen vor allem die um die Wende amtierenden Vorsitzenden Bringfried Kortze und Walter Schell genauer, erhielt der Verein im Jahre 1990 noch zu DDR-Zeiten zunächst seinen Namen aus dem Jahre 1936 zurück, endgültig aber erst 1997. Voraussetzung dafür war die „Verschmelzung“ der beiden nunmehr bestehenden, gleichnamigen Vereine. Zudem behauptete die WLS gegen manchen Zugriffsversuch mit Glück und Geschick bisher ihren Stammplatz in Schmöckwitz.
Die ursprünglich auf Segler und Angler gleichermaßen gemünzte Bezeichnung „Wassersportvereinigung“ ist nicht zuletzt Ausdruck eines Neuanfangs für alle, die im Raketen-Zeitalter an der archaischen Fortbewegung unter Segel festhalten wollen. Aber auch Motorfreunde sind in der WLS willkommen, denn der Verein steht allen Wassersportlern offen.
Somit also für die Zukunft:
Goode Wind ahoi! |
|||||